E-Mail Adresse
Passwort
  Passwort vergessen?
Neu Anmelden

Mozart, ein Romantiker?

Gedanken zu einer unbeantwortbaren Frage

von Prof. Dr. Ulrich Konrad

Rätselhaft-phantastisch stehen sie, die Dinge, wie sie sich mit einem Reisenden in einem Gasthaus irgendwo zutragen. Ermattet von rädernder Kutschfahrt, leicht benebelt vom mittags genossenen Champagner, nimmt er im Halbtraum die Witterung einer beginnenden Opernvorführung auf. Wahnbild, Wirklichkeit? Von seinem Zimmer, so verrät ihm der herbeigerufene Kellner, gelange man durch eine Tapetentür auf einen Korridor, der in der Fremdenloge Nr. 23 des angrenzenden Theaters ende. Heute erwarte das Publikum eine Aufführung von Mozarts »Don Giovanni«, vielleicht wolle er, der Fremde, ihr beiwohnen? Die Antwort erübrigt sich. Schon erfüllen bei den ersten Klängen der Ouvertüre grauenerregende Ahnungen des Entsetzlichen sein Gemüt, sieht er aus tiefer Nacht feurige Dämonen ihre glühenden Krallen ausstrecken. Mit welcher Gewalt bemächtigt sich die Musik seiner Einbildungskraft! In der Einsamkeit der Loge umklammert er, wie er es sich ausmalt, das so vollkommen dargestellte Meisterwerk mit allen Empfindungsfasern wie mit Polypenarmen. Der Vorhang fällt zur ersten Pause. Wer steht da plötzlich hinter ihm? Es ist Donna Anna (oder deren
Sängerin, wer weiß?), die den Schlafwandelnd- Wachen in ein Gespräch hineinzieht. Einer fremden Welt fantastische Erscheinungen glaubt er nun deutlich zu erkennen. Donna Anna bestätigt ihn im Gefühl, ihm sei das wunderbare, romantische Reich aufgegangen, wo die himmlischen Zaubern der Töne wohnen. Später, zwei Stunden nach Mitternacht, längst ist der Vorhang gefallen und das Theater verwaist, steigert sich die Erinnerung an das auf der Bühne Erlebte und mit Donna Anna Besprochene in den Ausruf eines exaltierten Wunsches: »Schließe dich auf, du fernes, unbekanntes Geisterreich – du Dschinnistan voller Herrlichkeit, wo ein unaussprechlicher, himmlischer Schmerz, wie die unsäglichste Freude, der entzückten Seele alles auf Erden Verheißene über alle Maßen erfüllt!« Am nächsten Tag sitzen ein paar Männer im Gasthaus zu Tisch. Worüber reden sie? Die Sängerin ist morgens Punkt zwei Uhr gestorben. War sie vielleicht doch Donna Anna, die liebende Frau, die dem Dämon des bestraften Verführers in den Untergang gefolgt ist?

Was der Jurist, Schriftsteller, Komponist, Kapellmeister und Musikkritiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in seiner 1813 erschienenen, mehrdeutigen Künstlernovelle »Don Juan« poetisch verwirklichte, vermittelt mehr als jeder rationale Erklärungsversuch, was Romantik ihrem Wesen nach sein könnte. Einer klaren Definition oder Festlegung ihrer Inhalte jedenfalls entzieht sich die vielsträhnige geistige Entwicklung von Ideen über das Verhältnis von Welt und Kunst, die in den 1790er Jahren einsetzte und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ihre
rauschenden Flügelschläge vernehmen ließ. Die Wirkung romantischer Gedanken auf das Kunstverständnis und die Kunstproduktion ist zwar leicht festzustellen, aber fast unmöglich in ihre Einzelelemente in den verschiedenen Künsten oder in Werken aufzulösen. Romantik verwirklicht sich primär im Geistigen, im Denken, in der Theorie, in der Weltanschauung – sie sei weniger eine Kunstpraxis als vielmehr eine Form utopischen
Denkens über Poesie und Kunst, so ihre Vertreter. Bereits fünfzehn Jahre vor Hoffmanns Novelle hatte Friedrich Schlegel mitgeteilt, eine romantische Definition von Poesie könne nur bestimmen, »was sie sein soll, nicht was sie in Wirklichkeit war und ist; sonst würde sie am kürzesten so lauten: Poesie ist, was man zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem Orte so genannt hat.« Und sie, die jungen, gedankenwilden, der Entgrenzung von Erde und Himmel, Vergangenheit und Gegenwart zuarbeitenden Romantiker, sie nannten Mozart einen der ihren. Wie bedeutungslos war es für sie, dass er schon tot war, als sie die universalpoetische Durchdringung der Welt in ihre Federn nahmen. Seine Musik, wie sie sie hören und verstehen wollten, war von der Zauberkraft durchpulst, dem Menschen ein unbekanntes Reich aufzuschließen, eine Welt, die, nochmals in den Worten E. T. A. Hoffmanns, nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.

Immer wieder verloren sich die Tiecks, Wackenroders oder Schlegels, verlor sich auch Jean Paul in den Nachtsphären, in denen neben anderen auch die Unheilsgestalt Don Giovannis geisterte. Nach Werkkenntnis im enzyklopädischen Sinne strebte keiner von ihnen, kaum eine Handvoll an
Kompositionen Mozarts war ihnen vertraut – die letzten drei Sinfonien gehörten dazu, »Die Zauberflöte« und das Requiem. Im Wenigen lag das Ganze, es bot Projektionsund Spiegelflächen für die Fantasie, für die poetische Verzauberung der Welt.

Aber war das nicht alles reichlich überspannt? Diese Frage bejahte so mancher Zeitgenosse, etwa der alte Goethe, dem die Romantik ebenso bedrohlich vorkam wie die Ungebärdigkeit Beethovens (woran war man eigentlich bei ihm?) und der drum selbstgewiss postulierte: »Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein.« Dass der zweite Teil seines »Faust« voll
von romantischen Phantasmagorien war, übersah er da geflissentlich. Doch Mozart wäre der einzige Komponist gewesen, der seiner Überzeugung nach eine passende Musik zum »Faust« hätte schreiben können – aus dem Geist des »Don Giovanni« heraus. An dieser Stelle hätte ihm jeder Romantiker beigepflichtet. Denn von der Poesie der Musik Mozarts als einer wunderbaren Welterscheinung galt ihnen als wahr, was Friedrich Schlegel in vier Verse gefasst hatte: »Durch alle Töne tönet / Im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton gezogen / Für den, der heimlich lauschet«.

Wie Mozart auf die romantische Ästhetik und deren vereinnahmenden Griff nach seinem Werk reagiert hätte, das ist eine prinzipiell unbeantwortbare Frage, die sich im Übrigen genauso an diejenigen richten ließe, die Mozart für eine »Klassik« oder was immer sonst reklamieren. Dass er mit seiner weit ausgreifenden Kunst der Töne in Ferngebiete des musikalisch Sagbaren vordringt und damit auch emotionale
Grenzbereiche streift, hört jeder Hörer, der heimlich lauschet, der ins Innere der Musik hineinhört. Das haben auch die Komponisten der um 1810 geborenen, gemeinhin als romantische bezeichneten Generation intensiv getan, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Chopin, Liszt, um einige zu nennen. Je für sich sind sie fündig geworden und haben in ihrer eigenen Sprache auf Mozart geantwortet. Wie viele nach ihnen vernahmen sie den »leisen Ton«. Wenn man das romantisch nennen mag, so hätte es bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Premium-Sponsoren
Mozartfest WürzburgKontaktImpressumDatenschutz
Newsletter
Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Seiten und Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr InfosOK