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Eröffnungsansprache Mozartfest 2018, Evelyn Meining

Sehr geehrte Ehrengäste,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Musik atmet den Geist ihrer Zeit. Sie wächst aus einer ästhetischen, gesellschaftlichen und sozialen Situation und wirkt gleichzeitig hinein in ihre jeweilige Gegenwart. Zumindest war das einmal so. Im 18. Jahrhundert war Musik, die so genannte klassische Musik, wesentlicher Bestandteil des Lebens. Sie war es, noch bevor das bürgerliche Musikleben sich etablierte, von dem wir bis heute alle zehren. Sie war, um es mit den Worten von Nikolaus Harnoncourt zu sagen „die lebendige Sprache des Unsagbaren, die nur von Zeitgenossen verstanden werden konnte“.

Wenn das so war, was kann uns dann die Musik von Mozart, Haydn oder Beethoven heute noch sagen? Warum leben wir so wenig mit der Musik, die heute für die Konzertsäle geschrieben wird? Stattdessen haben wir ein riesiges Museum aufgemacht und bestaunen Musik, die 250 Jahre und älter ist. Wir machen sie zu unserer. Was finden wir in ihr, dass wir ihr so große Aufmerksamkeit schenken?

Das 18. Jahrhundert hat alles bisher Dagewesene auf den Kopf gestellt. Barocke Ideale waren überlebt. Alles drängte in eine Zukunft, die sich als Ruf nach Neuem verstand: in Politik, Wissenschaft, Technik und Kunst. Ein Wort fasst die Dimension dieser Epoche zusammen: Aufklärung. Es geht um die unbedingte Verbindlichkeit des Geistes, um den Willen, das Leben gedanklich zu durchleuchten, oder sagen wir zurückhaltender: nach naturwissenschaftlichen Maßstäben zu ordnen.
Aufklärung und Klärung gehören zusammen. Deshalb bilden diese beiden Begriffe einen Teil unseres diesjährigen Festivalmottos.

Mozart wird mitten hineingeboren in diese Zeit. Als er gegen Ende seines kurzen Lebens seine Oper „Cosí fan tutte“ abschließt und „Die Zauberflöte“ in Angriff nimmt, zwei Werke, die in diesem Mozartfest eine große Rolle spielen, hat das französische Volk die Bastille gestürmt. Immanuel Kant hat den Wahlspruch der Aufklärung formuliert: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Kunst beschwört in diesen Jahren mehr denn je ein Ideal: Nach verbindender und verbindlicher Humanität. Ob sich das in Schillers „Ode an die Freude“ – mit der Textzeile „Alle Menschen werden Brüder“ – ausdrückt, von Beethoven zum jubelnden Finale seiner 9. Sinfonie erhoben, oder in Lessings Ringparabel, die echte Herzensgüte als das Wesen wirklicher Religiosität beschwört, oder aber bei Goethe in der „Iphigenie auf Tauris“, wenn er vom „endgültig begründeten Bund der Menschlichkeit“ spricht – all das atmet Geist der Aufklärung.

Meine Damen und Herren, als wir für das Magazin des Mozartfestes einige unserer Künstler um ein persönliches Statement zur Aufklärung baten, schrieb der Pianist Christian Zacharias, er glaube nicht an die Kraft der Aufklärung durch Musik. Es gäbe sie nicht. Begriffe wie Vernunft seien niedergeschlagen worden durch den Wahnsinn dieser Welt. Das aus dem Munde eines Künstlers zu hören, hat mich zunächst schockiert.

Im Nachhinein aber bin ich ihm dankbar, dass er Dinge beim Namen nennt – und nicht im Sinne der guten Stimmung einer Festgemeinschaft schönredet, was nicht zu beschönigen ist. Er hat ja Recht: Was in Tausenden von Jahren nicht geschafft wurde, haben die letzten 200 Jahre an Zerstörung angerichtet. Auch das hat mit der Aufklärung zu tun. Mit dem Fortschreiten von Industrialisierung, Globalisierung, Digitalisierung. Viele Errungenschaften des Aufschwungs haben sich gegen den Menschen gewendet. Es hat keinen Sinn, die Aufklärung zu verklären. Deshalb gehört auch dieser Begriff zu unserem Festivalmotto: Verklärung. Aufklärung bleibt eine permanente Aufgabe. So – und nicht durch die Glorifizierung einer lange vergangenen Vergangenheit – wird ein Schuh daraus.

Die Mündigkeit, die Kant gefordert hat, hat der moderne westliche Mensch längst errungen. Aber er ist über das Ziel hinausgeschossen. Seine Mündigkeit ist in einer Weise übersteigert, dass er vielfach nur noch sich selbst im Blick hat. „Ich denke, also bin ich“ hat ein neues Gesicht bekommen, ja, es ist im wahrsten Sinn vielfach zur Fratze verkommen. Das behandelt die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Elsa Godart in ihrem aktuellen Buch „Je selfie donc je suis“. Zeugnisse menschlicher Schöpfung gelten nicht mehr ihrer selbst wegen, sondern nur noch in Verbindung mit dem narzisstischen Ich. Die Mona Lisa in Paris, Mozarts Geburtshaus in Salzburg erhalten ihre Rechtfertigung durch das Ich. Das Selfie zeigt es den anderen und mir selbst. Was macht die Übermacht von Google und Instagram mit dem Verstand unserer Kinder? Wir leben in einer Zeit des Hyperindividualismus.

Trotz aller Sorge um die Nachhaltigkeit aufklärerischer Errungenschaften oder – darüber hinaus – trotz aller berechtigten Zweifel am Segen der Aufklärung ist es dennoch wichtig, besonders die Musik nach ihren humanen Inhalten zu befragen. Ihr die Gretchenfrage zu stellen: Wie hältst Du es mit der Humanität, mit dem Verstand, mit der Aufklärung, der Klärung und der Verklärung?
Ich habe Christian Zacharias gefragt, ob er nicht die Kraft spürt, die in Bachs Brandenburgischen Konzerten steckt oder in Mozarts Jupitersinfonie. Ich meine nicht Trost. Musik darf auch trösten – natürlich. Ihre emotionale Wirkung ist bekannt. Aber berührt Musik nicht auch gleichzeitig den Verstand? Hebt das die Musik nicht heraus aus allen Künsten?
Wir können Hoffnung und Würde erfahren. Wenn wir Musik hören oder Musik machen, erfahren wir Gemeinschaft – um mit Schiller zu sprechen: „werden wir Brüder“.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kleinen persönlichen Einschub: Als junge Sängerin habe ich selbst am 7. Oktober 1989 in Dresden auf der Bühne gestanden, als wir in der Semperoper Beethovens „Fidelio“ in der damals hochaktuellen Inszenierung von Christine Mielitz zur Premiere brachten. Die Bühne war vom Zuschauerraum durch ein Gitter abgetrennt. Wir haben mit aller Kraft an diesem Gitter gerüttelt, wir haben aus tiefster Überzeugung und mit Tränen gesungen, ja aus uns herausgebrüllt „Heil sei dem Tag, heil sei der Stunde“, während draußen Panzer und bewaffnete Soldaten standen. Getragen von dieser Kraft haben wir, so bin ich heute überzeugt, förmlich die Mauer mit niedergerissen. Die Mauer eines Unrechtssystems, das uns Menschen eingesperrt hatte.

Musik kann eine ungeheure Kraft entwickeln, dessen bin ich mir sicher. Ob wir sie nun aufklärend nennen oder menschenbildend.
Ich stimme dem Publizisten Holger Noltze zu, der in diesem Jahr beim MozartLabor dabei sein wird und der in seinem Buch „Die Leichtigkeitskeitslüge“ treffend sagt: „Die ästhetischen Erfahrungen in Musik, Kunst, Literatur eröffnen uns einen Raum (...), den wir sehr nötig haben. Es geht nicht um Alltagsverschönerung und Freizeitvergnügungen, es geht, so viel Pathos muss erlaubt sein, ums Ganze. Es geht auch darum, in einer Welt, die immer komplexer wird, in der die einfachen Gesetze immer häufiger nicht mehr passen, einen furchtlosen Umgang mit Komplexität zu üben. Monteverdi, Bach, Beethoven, Mozart, Schönberg und Strawinsky bieten sich als Trainer an. Und klingen auch noch schön.“

Seien Sie alle willkommen zum Mozartfest 2018!

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