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Leitgedanke

Liebe Musikfreunde

Mozartjahr ist jedes Jahr – zumindest bei uns in Würzburg. Und manchmal ist auch Beethovenjahr. 2020 nehmen wir zum Anlass, über Widerstand, Wachsen und Weitergehen nachzudenken und in diesem Sinn Mozart und Beethoven aufeinander zu beziehen. Ob sie sich getroffen haben, ist nicht ganz klar. Könnte sein, muss aber nicht. Dafür wurde später umso hartnäckiger behauptet, Beethoven hätte in Wien »Mozarts Geist aus Haydns Händen empfangen«. Nun war Mozarts Geist vieles, aber bestimmt nicht mit Händen zu greifen. Und Haydn, der Mozarts Genie früh erkannte, war viel zu klug, um dem jungen Beethoven kluge Ratschläge zu geben. Fakt ist, dass keiner der drei in dem Bewusstsein lebte, ein »Klassiker« zu sein. Alle drei reagierten auf das Zeitalter, das – teils unmerklich, teils buchstäblich mit Gewalt – anbrach. Die (Selbst-)Befreiung des Künstlers war die Chance der Stunde, damit natürlich auch die Befreiung der Kunst. Aufträge kamen nun zunehmend von innen, nicht von außen. Wachsen und Widerstand gehören in dieser Zeit besonders eng zusammen: biografisch, ästhetisch, aufführungspraktisch. Man kann beides als komplementär verstehen – und hörbar machen. Die Programme des diesjährigen Mozartfestes knüpfen hier an. Unser dritter Begriff stammt direkt von Beethoven. »Weiter gehn ist in der Kunstwelt, wie in der ganzen großen schöpfung, zweck«, schrieb er und redete damit nicht einem ominösen Fortschritt das Wort, sondern einer Freiheit, die dazu da war, Grenzen auszuloten, neu zu bestimmen und wieder zu überschreiten.

Die Künstler des Mozartfestes 2020 haben sich mit bewundernswerter Energie und Neugier auf diese Thematik eingelassen. Gemeinsam mit ihnen wollen wir das Woher und Wohin von Komponisten, Werken und musikalischen Denkformen erleben. Dabei liegt unser Fokus auf jenen Kompositionen Beethovens, die sich hörbar an seinen Vorbildern reiben. In mehreren Konzerten begegnen wir Mozart und Beethoven auch in ausgefallenen Klangsphären zwischen Jazz und Weltmusik. Künstler wie Sebastian Sternal oder die Hanke Brothers haben eigens für das Mozartfest neue Werke geschrieben.

Wenn es stimmt, dass »wahre Kunst eigensinnig ist«, wie Beethoven sagt, dann haben wir unseren Artiste étoile richtig ausgewählt. Reinhard Goebel – Geiger, Dirigent, Lehrer, Musikversteher – ist keiner, der ein Blatt vor den Mund nimmt. Eigensinnig wie er ist, schert er sich wenig um Konventionen, forscht an den Rändern des Mainstream-Repertoires, küsst immer wieder Komponisten und Stücke wach, die lange vergessen, verschollen oder verschmäht waren. Vier Programme hat er für den Kaisersaal konzipiert. Außerdem wird er im MozartLabor unterrichten und im Gespräch »Beethovens Welt« erschließen. Seinen intensiven Bezug zur Streichermusik greifen wir mit vielsaitigen Besetzungen auf: Mehr als ein Dutzend renommierte Geigerinnen und Geiger, darunter Viktoria Mullova, Carolin Widmann, Tianwa Yang und Augustin Hadelich, bereichern das Mozartfest, acht junge Streichquartette, ein Streichquintett, ein Streichtrio, zwei Streichduos. Auch die Riege der Pianistinnen und Pianisten kann sich sehen lassen: Kit Armstrong, Martin Helmchen, Robert Levin, Jan Lisiecki, Fazıl Say, Ragna Schirmer, Herbert Schuch sind darunter.

Nach allem, was wir wissen, war Beethoven nicht das einzige Kind, das 1770 zur Welt kam, auch wenn manche Jubiläumskampagne das suggeriert. Auch Hölderlin wurde 1770 geboren, dessen Lyrik im 20. Jahrhundert für viele Komponisten Inspiration war. Wie sich Benjamin Britten, Heinz Holliger, György Kurtág und Peter Ruzicka mit Hölderlin auseinandergesetzt haben, wird beim Mozartfest zu hören sein. Wir spielen außerdem den im selben Jahr geborenen Friedrich Witt – letzter Hofkapellmeister der Würzburger Residenz. Allein 23 Sinfonien sind uns von ihm bekannt. Eine davon wurde lange Beethoven zugeschrieben, sie gehört selbstverständlich zum Programm. Witt komponierte auch ein Quintett für Klavier und vier Bläser – wie Mozart und Beethoven. Das Mozartfest hat dafür extra ein Ensemble gegründet und bietet alle drei Quintette in einem Konzert. So wie das »Tripelkonzert«, das es nicht nur von Beethoven gibt, sondern auch von Johann Christian Bach und Hugo Voříšek. Oder Beethovens Klavierkonzert in c-Moll op. 37 im Kontext von Mozarts KV 491, auf das es sich bezieht. Oder Ausschnitte aus den Leonoren-Opern von Beethoven, Simon Mayr und Ferdinando Paër. Das sind nur einige Beispiele.

Dass Beethoven schon als junger Mann mit einem Gehörverlust kämpfen musste, hat uns zu einem Zyklus von sechs Veranstaltungen animiert. »Sinn(e)!« haben wir ihn überschrieben. Er führt uns auf eine Reise in veränderte Wahrnehmungswelten. Was passiert, wenn ein Sinn ausfällt? Wenn wir im Dunkeln oder im Bad einer Farbe Musik hören? Wenn wir sie nicht hören, aber als Bewegung sehen? Wenn Irritationen greifen, die das vertraute Zusammenspiel unserer Sinne durcheinander bringen? Der Kreativität unserer Künstler verdanken wir solche Perspektiven. Auch »Jenseits der Stille« fassen wir darunter. Dort geht es um das Sich-Besinnen. Pflegenden Angehörigen – den »Helden des Alltags« – ist dieses Konzert im Exerzitienhaus Himmelspforten gewidmet, an dem Musik aus drei Jahrhunderten von Krankheit, Genesung, Sehnsucht nach Ruhe und letzten Dingen erzählt. In »Allzeit ... Sprecht lauter, schreyt, denn ich bin taub« beschäftigen sich Fachmediziner mit Beethovens Taubheit und ergründen mit Kit Armstrong, ob Komponieren eine akustische Hörleistung oder eine reine Gehirnleistung ist.

Die Titel von zwei Workshops im MozartLabor fassen zusammen, worum es uns geht: »Social Impact durch Kunst und Kultur« und »Achtung Klassik! Werbung ohne Marktgeschrei«. Nebenbei: Das Chamber Orchestra of Europe, das erstmals beim Mozartfest gastiert, ist als Kulturbotschafter unterwegs. Und noch ein Debüt: das Korean Chamber Orchestra, das von der UN zum »Orchestra for Peace« ernannt wurde, mit einem exklusiven Deutschlandkonzert.

Seien Sie willkommen zum Mozartfest 2020!

Ihre Evelyn Meining

Intendantin